Die Hausapotheke für die Seele
Es gibt Kompendien über Pflanzenmedizin von Anis bis Zwiebel, Lexika der Schulmedizin von Antibiotika bis Zytostatika. Nun reiht sich ein weiteres Nachschlagewerk dazu: "Die Hausapotheke für die Seele". Von Abhängigkeit bis Zwietracht.
Dazwischen finden sich mentale und körperliche Übungen gegen Frust oder Wut, für mehr Gelassenheit und Intuition, Abwehrtechniken gegen verletzende "Kaktusmenschen" und Brechmittel für "Kotzbrocken", wie die Autorin Prof. Dr. Rotraud A. Perner unverdaute Botschaften oder auch "giftige" Menschen nennt.
Salutogenese - Mehr als Wellness
2005 ist nicht nur das politische "Gedankenjahr" Österreichs, sondern auch das "Jahr der seelischen Gesundheit". Man wird heuer sehr viel hören von Salutogenese; dem aktiven Prozess, die eigene Gesundheit täglich neu zu erschaffen. "Salutogenese" ist, wörtlich übersetzt, die "Entstehung von Gesundheit" und bedeutet unter anderem: Nein sagen zu den Dingen, die uns schaden - und ja sagen zu den Dingen, die uns gut tun. Ein Leben lang.
"Ein salutogenes Leben (...) zu führen, bedeutet mehr als hin und wieder einen Wellness-Urlaub zu absolvieren oder ein paar Stunden Yoga zu machen", sagte die Psychoanalytikerin Rotraud Perner anlässlich der Präsentation ihres Buches "Die Hausapotheke für die Seele" am 18. März in Wien. Die Psychoanalytikerin führt eine Praxis in Wien und leitet das Institut für Stressprophylaxe & Salutogenese (ISS) in Matzen bei Wien.
Was Kräfte raubt
Es ist keine Neuheit, dass Leistungs- und Zeitdruck hierzulande bei so gut wie allen arbeitenden Menschen steigen. Das Krankmachende dabei sind nicht allein die steigenden Anforderungen, sondern auch der Mangel an freundlichen und wertschätzenden Umgangsformen, so Perner.
Immer mehr Menschen klagen über Antriebslosigkeit oder Müdigkeit und versuchen durch verschiedene Maßnahmen wieder zu sich zu finden. "Was nutzen all diese Wellness-Programme oder Versuche einer 'Work-Life-Balance', wenn die eigentlichen Stressoren nicht enttarnt werden?", fragt Perner. Für die Psychoanalytikerin wird der Verlust der Energie nicht primär durch Fehlernährung ausgelöst, nicht durch mangelnde Bewegung und fehlende Entspannung. Sie alle seien Folgen des Energieverlusts, nicht Ursachen.
Viel eher verantwortlich für die Misere sei, dass man seine Kräfte für ungeliebte Arbeiten einsetzen muss – egal ob im Haushalt oder im Büro: Für Aufgaben, die dem Arbeitsvertrag bzw. dem familiären Übereinkommen nicht entsprechen und die in einem gesundheitsschädlichen Stil aufgetragen werden. Aufgaben, die unter Zeitdruck und ohne jegliche Unterstützung erledigt werden müssen – und die ohne Leidenschaft abgeleistet werden, weil es keine Hoffnung auf Anerkennung gibt.
Jeder Mensch verhält sich anders, wenn Konflikte auftauchen. Der eine mutiert zur "Kampfmaschine", so Perner, und verbraucht seine Kräfte in unnötigen Feindseeligkeiten, der andere unterwirft sich und verharrt in dieser Position, der andere ergreift die Flucht – in eine Krankheit beispielsweise. Wieder andere stecken den Kopf in den Sand und blenden die Realität aus. Einige "stellen sich tot", werden depressiv.
All diese Reaktionen haben sich jahrelang als starre Verhaltensweisen verfestigt. Allesamt sind nicht geeignet, die Gesundheit zu fördern. Hilfe verspricht Rotraut Perner in Form von alternativen Verhaltensweisen und meint: "Freiheit von krankmachender Einengung beginnt, wenn man mehr als nur zwei alternative Verhaltensweisen weiß und auch beherrscht." Und genau das will die Therapeutin mit ihrem Buch erreichen.
Mentale und körperliche Wege zur Salutogenes
Zu jedem Problem präsentiert Rotraut Perner jeweils eine Mental- und eine Körpertechnik, um mit unerwünschten Gefühlen und Problemen zurecht zu kommen. Der Leser soll lernen, den kurzen Moment zu erkennen, in dem er sich entscheiden kann, ob ein Gefühl – Wut zum Beispiel – einfach raus muss oder ob ein anderer Weg – dagegen ankämpfen - auch Sinn macht, und welcher Weg das sein kann.
Für Perner sind alle Ratschläge "Notfallmaßnahmen zur eigenen Erstversorgung in Sachen Seele" – sie können und sollen eine grundlegende Therapie nicht ersetzen.
Das Buch ist über die Maßen sympathisch geschrieben, wenngleich auch typisch psychologisch, typisch ganzheitlich, was aber kein Nachteil sein muss. Was beim Aufschlagen des Buches zu fehlen scheint, ist das Inhaltsverzeichnis. Beim weiteren Blättern entpuppt sich dieser vermeintliche Mangel aber als Vorteil - schließlich stoppt das Auge beim suchenden Blättern nach dem "eigenen" Problem unwillkürlich bei anderen Verhaltensweisen, die man bei der gezielten Suche vermutlich nicht angesteuert hätte.
Auch wenn man nicht jedes behandelte Problem als "seines" betrachtet: Jedes Thema ist aufschlussreich, manche Passage lässt schmunzeln, wenn man letztlich entdeckt, dass das Problem zumindest in einer vorhergegangenen Lebensphase schon mal angestanden ist - oder ausgestanden werden musste.
Rotraud A. Perner: "Die Hausapotheke für die Seele - Erste Hilfe von Angst bis Zorn". Deuticke, ISBN 3-552-06004-9.